
Zum Tag der Deutschen Einheit und Erntedankfest 2026
Ist Dankbarkeit zu einem flüchtigen Stoff geworden?
RHEIN-LAHN. (3. Oktober 2026) An diesem Wochenende stehen zwei bedeutende Gedenktage bevor: Der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit und der Sonntag als Erntedankfest. Die beiden Tage haben etwas gemeinsam und erinnern daran: Nichts im Leben ist selbstverständlich.
Auch wenn das Einheitsfest diesmal für die meisten Berufstätigen keinen zusätzlichen freien Arbeitstag bringt, ist er doch eine gute Gelegenheit, dankbar zu sein und sich zu erinnern, mit welcher Begeisterung und Freude der Fall der Mauer am 9. November 1989 und die Wiedervereinigung Deutschlands gefeiert wurde. Fremde Menschen aus Ost und West, die sich im Freudentaumel in den Armen lagen, von den durchs SED-Regime getrennten Familienangehörigen ganz zu schweigen. Quasi als Dankes-Fest der unvorhersehbaren „politischen Ernte“ wurde es 1990 eingeführt.
Es mag soziologisch nachvollziehbare Gründe geben, warum sich die Dankbarkeit von damals in den vergangenen 36 Jahren verflüchtigt hat und eine Alternative für Dauernörgler gerade in den einst „neuen“ Bundesländern so viel Zulauf findet. Nur eine Generation später die politischen Verhältnisse vor dem Fall der Mauer aber zu verklären, ist ein absurdes Phänomen. Es verhöhnt geradezu die vielen Opfer eines autoritären Machtapparats, der seine eigene Bevölkerung systematisch bespitzelte und ihre Freiheitsliebe mit Tod oder Gefängnis bestrafte.
Natürlich gibt es auch hierzulande trotz allem volkswirtschaftlichen Reichtum Reformbedarf. Politik und gesellschaftliche Entwicklungen nur schlecht zu reden, ist jenseits und diesseits der ehemaligen Mauer so in Mode gekommen, dass es zu einer extremistischen Abwendung von freiheitlichen demokratischen Strukturen führte. Dabei wären die doch auch ein Grund zur Dankbarkeit: In einer Demokratie dürfen Menschen nicht nur protestieren, sie dürfen auch in Gremien vom Gemeinderat bis zum Bundestag Politik mitgestalten. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Eine freie politische Teilhabe gibt es noch nicht mal in der Hälfte aller Länder dieser Welt.
Aber nicht nur politisch scheinen Erinnerung und Dankbarkeit zum flüchtigen Stoff geworden zu sein. Auch im Alltag bleibt sie oft auf der Strecke. Wer denkt schon ans Danken, wenn er morgens aufwacht, um seine Klagelieder anstimmen zu können? Wie kann es sein, dass in einem der wohlhabendsten Länder dieser Welt offenbar Unzufriedenheit und Sorgen statt Dankbarkeit den Tag bestimmen? Die Flut an Negativ-Schlagzeilen, die aus immer mehr medialen Löchern hervorkriecht, macht es immer schwieriger, jeden Tag kleine wie große Gründe zum Danken überhaupt wahrzunehmen.
An einen der elementarsten Gründe zum Danken erinnern die Gottesdienste. Traditionell ist es die landwirtschaftliche Ernte, auf die das Dankfest am Sonntag hinweist. Wenn in Deutschland jährlich rund 10 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll landen, während nach Angaben der Welthungerhilfe gleichzeitig jeden Tag rund 24.000 Menschen auf der Welt an Mangel- und Unterernährung sterben, ist das allein schon ein Indiz für den Überfluss, in dem wir leben. In vielen Entwicklungsländern ist ein warmes Essen die Ausnahme. Jeden Morgen ohne Hunger aufwachen zu dürfen, wäre da schon ein kleines Dankgebet wert. Das Erntedankfest will uns daran erinnern, die Frage „Womit habe ich das verdient?“ nicht nur und erst dann zu stellen, wenn es uns schlecht geht, sondern gerade dann, wenn es uns gut geht und wenn wir Gaben des Alltags viel zu leicht als pure Selbstverständlichkeit hinnehmen. Über die Ernährungslage in der Welt informiert die evangelische Hilfskation „Brot für die Welt“. Am Montag lesen Sie auf dieser Website einen Beitrag, wie Konfi-Gruppen im Dekanat und ganz Deutschland beim Brotbacken über dem Danken auch das Teilen gelernt haben.
Neben dem christlichen Dank an Gott, das am Sonntag in Gottesdiensten in Kirchen, im Freien oder auf Bauernhöfen laut angestimmt wird, scheint in einer zunehmend säkularen Welt noch ein anderes Danke zunehmend in Vergessenheit zu geraten: das zwischen den Menschen. Dabei wäre es doch so leicht ausgesprochen und könnte sicher mehr zu Frieden, Versöhnung und Gemeinschaft im Kleinen wie in aller Welt beitragen als manch lautes Gepolter, ob an der Supermarkt-Kasse oder in Sozialen Medien. Bernd-Christoph Matern
Zu den Fotos:
Der Dank für die landwirtschaftliche Ernte steht am Sonntag in den Gottesdiensten im Mittelpunkt. Der Dank für die Deutsche Einheit bestimmt tags zuvor die Feiern am 3. Oktober. Das Bild erinnert an den einstigen Todestreifen in Berlin, wo heute wieder ein demokratisch gewähltes Parlament zuhause ist. Fotos: © becrima
