
Süßes, Saures und gemeinsames Feiern statt gegenseitiges Fürchten
Evangelische Kirchengemeinden im Rhein-Lahn-Kreis bieten zum Reformationsfest gute Worte, Lieder und Essen
RHEIN-LAHN. (31. Oktober 2026) Da müssen sich die Evangelischen im Lande nichts vormachen: Halloween, die Schreckensnacht vor dem katholischen Allerheiligen, hat dem Reformationsfest medial schon lange den Rang abgelaufen. Kein Wunder. Was immer der Ursprung des Brauchs sein mag – mit den skurrilen Devotionalien und deren Präsentation bei gruseligen Feiern und Festen lässt sich bedeutend mehr Umsatz machen als mit der Erinnerung an einen kleinen Mönch, der vor 509 Jahren eher ungewollt die Spaltung der einst so mächtigen Kirche einleitete, weil er die Freiheit eines Christenmenschen beschwor.
Was da an kultigen Verkaufsschlagern aus Amerika in den vergangenen 30 Jahren in deutsche Lande rüber geschwappt ist, dagegen haben marketingtechnisch noch so schlaue Worte im analogen wie im digitalen Leben kaum eine Chance. Immerhin gab es zum 500-jährigen Gedenken an Luthers Thesenanschlag gegen den Ablasshandel einen Playmobil-Mönch, der rasenden Absatz fand und die Verkaufsrekorde der Spielzeug-Marke sprengte. Außerdem behielten Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein den einmalig zum Jubiläumsjahr 2017 bundesweit ausgerufenen gesetzlichen Feiertag bis heute bei.
Erschwerend kommt für die Popularität des protestantischen Festes hinzu, dass die Bereitschaft, sich auf Veränderungen, für die das Wort reformare steht, und etwas Neues einzulassen, nicht ganz so viel Beifall in der Bevölkerung findet. Das war noch nie anders, wird aber heutzutage durch digitale Medien mit nostalgisch verklärender Macht noch sichtbarer und erklärt die Unsicherheit und Scheu der Politik, notwendige Reformen zu kommunizieren und umzusetzen. Zumindest junge Menschen (die so genannte Generation Z, kurz „Gen Z“, die etwa zwischen 1995 und 2010 Geborenen) scheinen in diesem Jahr den Reformationstag allerdings wieder in einem protestantischen Sinne aufzugreifen, wenn sie für den 31. Oktober in vielen deutschen Städten zu friedlichen Protesten für ihre Interessen aufrufen.
Nun gehört der Blick in eine mehr als 2000 Jahre alte Vergangenheit ja quasi zur DNA christlichen Glaubens. Doch dabei geht es vor allem um die in biblische Worte gefassten Werte, die immer wieder zu Reformen animieren sollen. Leben wie 1517 will zumindest in Deutschland heute niemand mehr. Und so stehen auch die Reformationsfeiern, die von den evangelischen Kirchengemeinden im Rhein-Lahn-Kreis in diesem Jahr wieder angeboten werden, im Zeichen guter wertevoller Worte in Texten und Liedern sowie guten Essens; drei Merkmale, die dem volksnahen Martin Luther schon wichtig waren. Einige Beispiele aus dem Dekanat:
Ein klassischer Reformationsgottesdienst erwartet die Gäste in der evangelischen Kirche von St. Goarshausen um 19 Uhr. Spannend, welche reformatorischen Gedanken dort von der ehemaligen Präsidentin der evangelischen Hilfswerke „Brot für die Welt“ und Diakonie-Katastrophenhilfe Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel geäußert werden, die die Festpredigt hält.
Gesellig, genuss- und glaubensvoll geht es in Lahnstein zu, wo es um 19 Uhr im Gemeindehaus (Wilhelmstraße 53) heißt „Futter mit Luther“. Dort werden gereimte Luthertexte, Lieder, viele davon aus Luthers Feder, und gutes Essen kredenzt.
Einen Gottesdienst für Groß und Klein, der unter dem Motto „Süßes statt Saures“ Hoffnung schenken soll, gibt es um 17 Uhr in der Johanniskirche Nassau, in dessen Anschluss Stockbrot, Imbiss und Getränke aufgetischt werden.
Nicht minder zünftig geht es wieder in Eppenrod zu, wenn nach dem Reformationsgottesdienst um 17 Uhr im Pfarrgarten ein kleiner Markt aufgebaut ist und warme Getränke und herbstliche Leckereien zum Verweilen und Austauschen einladen.
Wer es eher ruhig und spirituell mag, der findet in Welterod eine Alternative. Dort beginnt in der evangelischen Kirche um 17 Uhr ein ökumenisches Taizé-Gebet zum Reformationstag.
In welchem Gewand die reformatorischen Gedanken auch daherkommen – sie sind nicht zum gegenseitigen Fürchten, sondern zum gemeinsamen Feiern gedacht, gute Gedanken statt grundlosem Gruseln. Süßes, Saures und andere Gaumenfreuden gibt es hie und da obendrein und die Möglichkeit, sich über Sinn und Themen notwendiger Reformen auszutauschen, gerade auch im Interesse nachfolgender Generationen. Reformare? Da ging es schon im römischen Sprachgebrauch nicht einfach um die Herstellung eines alten Zustandes, sondern darum, die Dinge auch in eine neue bessere Form zu bringen. Darüber in Freiheit streiten zu dürfen, ist ein Privileg, das den meisten Menschen dieser Welt nicht gegeben ist. Bernd-Christoph Matern
Zum Foto:
Süßes oder Saures? In digitalen Medien erhöht zwar nur Polarisierung die Aufmerksamkeit, aber vielleicht geht ja auch „sowohl als auch“, um sich über notwendige Reformen auszutauschen? Die evangelischen Kirchengemeinden bieten dazu mit ihren Reformationsfeiern reichlich Gelegenheit im Rhein-Lahn-Kreis. Fotos: © becrima
