
Liebe üben und nicht nur predigen
Interreligiöser Gottesdienst im Kloster Bornhofen zum Jahr des Herzens
KAMP-BORNHOFEN/RHEIN-LAHN. (17. August 2026) Die Klosterkirche in Kamp-Bornhofen war gut besetzt, als dort ein interreligiöser Gottesdienst zum Jahr des Herzens gefeiert wurde. Antje Müller, Pfarrerin für Ökumene im evangelischen Dekanat Nassauer Land, hatte dazu Menschen aus unterschiedlichen Religionen gewinnen können. Das Motto: „Liebe für alle – Hass für keinen“.
Mit einem auch religionskritischen Gleichnis aus der Bibel, nämlich dem vom Barmherzigen Samariter, begann die Feier. Antje Müller und der katholische Wortgottesdienstleiter Matthias Lambrich lasen sie in verteilten Rollen vor. Ausgerechnet der Priester und der Levit helfen nicht, sondern ausgerechnet der verachtete Fremde aus Samaria. Jesus sei auf der Seite derer, die Nächstenliebe leben und nicht nur darüber sprechen, erklärte die Theologin. „Manchmal sind wir in der Rolle des Verletzten, desjenigen, der am Boden liegt, manchmal in der Rolle des Samariters, manchmal gehören wir auch zu denjenigen, die vorbei gehen“, erklärte Müller.
Ähnlich drückte es der jüdische Vorbeter Wolfgang Elias Dorr aus, der betonte, dass mit den Nächsten nicht nur Verwandte und Freunde gemeint seien, sondern jedwede Person, die einem begegnet und sehr wohl auch Leute, die einen Streit begonnen haben und an denen man sich lieber rächen würde anstatt ihnen mit Nächstenliebe zu begegnen. Diese Nächstenliebe anzunehmen ohne Angst zu haben, dadurch Schwäche zu zeigen, betonte wiederum Matthias Lambrich. Gott sei Kraftquelle sowohl für Nächstenliebe als auch für die Schwäche. Menschen auch bei Konflikten mit Respekt zu begegnen, dazu rief der Imam der Ahmadiyaa-Gemeinde Koblenz Ansir Ahmad auf. Im Islam bedeute Nächstenliebe Güte und Verantwortung. „Liebe für alle – Hass für keinen“ ist das Motto der Gemeinde, das über dem Nachmittag stand.
Besonders froh zeigte sich Antje Müller über den Besuch von Markus Reinhardt. Neben Hannelore Syré an der Orgel sorgte der Kölner Geiger aus Köln zusammen mit Ursula Herrmann am Akkordeon für besondere musikalische Akzente mit einem Csardas, dem hebräischen Friedenswunsch „Hevenu shalom aleichem“ und dem Popsong „You raise me up“. Und nicht nur damit. Vorbeigehen und Wegschauen brandmarkte schon die Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Was daraus werden, zeigte ein Gespräch mit Reinhardt und seiner Frau Krystiane Vajda, in dem an die Verfolgung von Sinti und Roma im Dritten Reich erinnert wurde. Vor etwa 600 Jahren wanderten sie aus dem heutigen Nordwestindien und der Provinz Sindh (dem heutigen Pakistan) nach Europa ein. Ähnlich wie die Juden wurden sie nicht in Handwerkszünfte aufgenommen, sondern immer wieder vertrieben, für vogelfrei erklärt.

Besonders bewegend im Kloster: ein Walzer, den inhaftierte Musiker im KZ Auschwitz immer spielen mussten, wenn ein neuer Gefangenentransport ankam, wie Reinhardt erläuterte. Das rettete den Musikern zwar das Leben. „Aber zu welchem Preis!“, erklärte Reinhardt und erinnerte an seinen Großvater, ebenfalls Geiger; sechs dessen zwölf Kinder wurden im Konzentrationslager ermordet. Tiefere Einblicke in die Verfolgungsgeschichte gibt das Kinderbuch „Niemals wegschauen“, das Krystiane Reinhardt, illustriert von Lukas Ruegenberg, geschrieben hat. Sie stellte das mit Hintergrundinformationen für Erwachsene ergänzte Buch auch in Bornhofen vor. Als musikalische Lesereise setzt „Niemals wegschauen“ bewusst ein klares Zeichen gegen Diskriminierung und für Menschlichkeit, Erinnerung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Darum wurde auch in den Fürbitten gebetet, die Salome Ngugi, Ralf Skähr-Zöller und Rolf Westermayer vortrugen. „Wir sind alle Kinder Gottes“, hatte Pater Eryk als Gastgeber des Klosters schon zu Beginn des Gottesdienstes die Gäste begrüßt. Seine Liebe sei ein Geschenk für alle Menschen. Das wurde anschließend auch auf dem Marienplatz deutlich, auf dem bis Oktober noch die erlebenswerte Ausstellung zum „Jahr des Herzens“ mit ganz vielen Anregungen zur Nächstenliebe zu sehen ist. Bernd-Christoph Matern
Zu den Fotos:
Wie wird in den verschiedenen Religionen Nächstenliebe gedeutet? Antwort gab der interreligiöse Gottesdienst zum „Jahr des Herzens“ im Kloster Bornhofen. Die Ausstellung dazu ist noch bis Oktober im Marienhof zu besuchen. Fotos: Matern
