75Jahre Ausstellungstafeln becrima

Kirchenjubiläum: Wanderausstellung für Erzählcafés

EKHN feiert 75-jährige Geschichte regional – Von Nazi-Widerstand, Gleichberechtigung über Bauboom bis zu Innovationen

 EKHN 75JahreLogo Erzaehl CMYKDARMSTADT/RHEIN-LAHN. (5. August 2022) Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) feiert in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen. Die EKHN wurde mitten in den Wirren der Nachkriegszeit am 30. September 1947 in Friedberg gegründet. Sie fußt auf der Fusion von ehemals drei evangelischen Landeskirchen in Nassau, Frankfurt und Hessen-Darmstadt. Ein Höhepunkt der Aktivitäten zum Jubiläum ist ein Fest am 1. Oktober in Friedberg. Doch die Geschichte und Entwicklung der EKHN kann dank einer ausleihbaren Wanderausstellung vor allem in den Regionen und Kirchengemeinden in Erinnerung gerufen werden, um sie in einen aktuellen Kontext zu stellen.

Vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Lage gilt das Jubiläum als eine Chance, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kirche ins Gespräch zu kommen. Deshalb steht es unter dem Motto „75 Jahre EKHN. Erzähl mir mehr!“. Dazu wurden zahlreiche Materialien erarbeitet, mit denen auch in den Kirchengemeinden des evangelischen Dekanats Nassauer Land in Erzählcafés, bei Ausstellungen oder in Gruppentreffen über die Kirche von einst, heute und in Zukunft ins Gespräch gebracht werden kann. 

Geschichte und Zukunft verbinden

Hilfreiche Impulse liefert dabei eine Wanderausstellung, die von den Kirchengemeinden ausgeliehen werden kann. Auf zwölf Tafeln werden demokratische Strukturen ebenso thematisiert wie strukturelle Umbrüche, Frieden und Gleichberechtigung, für die es Anknüpfungspunkte im Rhein-Lahn-Kreis gibt. Fünf Beispiele: 

Pfarrer Karl Amborn Stadt OffenbachDie Gründung der EKHN ist mit ihren demokratischen Strukturen deutlich geprägt von den verheerenden Erfahrungen des Nationalsozialismus, unter dessen Regime sich auch die evangelische Kirche an der Diskriminierung von Juden beteiligte. Die meisten Zeitzeugen von damals sind zwar tot. Aber es gab auch in den Gemeinden des Rhein-Lahn-Kreises Widerstand von der Kanzel. Pfarrer Karl Amborn aus Braubach ist einer der wenigen. Welche Konsequenzen hatten sie zu fürchten und wo gilt es heute, angesichts antisemitischer und nationalistischer Tendenzen Widerstand zu leisten?

So selbstverständlich heute mit Kerstin Janott bereits zum zweiten Mal eine Frau als Pfarrerin das Dekane-Amt zwischen Rhein, Lahn und Aar ausübt, ist es nicht. Die im vergangenen Jahr verstorbene Evelin Clotz – 1986 bis 2006 Gemeindepfarrerin in Dachsenhausen – war die erste Pfarrerin in der gesamten EKHN sowie darüber hinaus, die ihren männlichen Pfarrkollegen rechtlich vollständig gleichgestellt wurde, als sie gerade einmal vor gut 50 Jahren im August 1971 als erste verheiratete Theologin zur Pfarrerin auf Lebenszeit ernannt wurde. Welche Rolle spielen Männer und Frauen künftig in der Kirche, gibt es da überhaupt einen Unterschied?

AA Gtd110911Haende becrima Stark setzt sich die EKHN bis heute in der weltweiten Ökumene ein, engagierte sich früh gegen Rassismus und ungerechten Handel in Afrika. Mehr als 40 Jahre besteht eine offizielle Partnerschaft zwischen evangelischen Christen des Rhein-Lahn-Kreises mit dem evangelisch-lutherischen Distrikt Mabira in Tansania. Die Zusammenarbeit hat sich entwickelt und verändert; eine Jugendpartnerschaft schärft bei jungen Menschen die Verantwortung für ein globales Denken und Handeln. Ausbildungsprojekte stärken die Lebensperspektiven junger Menschen in Mabira. Gleich geblieben ist die Verbundenheit im Glauben. Während den meisten Deutschen die Lebensverhältnisse in der Welt entweder egal oder nur durch zufällige Medienberichte bekannt sind, sorgt die Partnerschaft ganz konkret und persönlich für eine Erweiterung des Horizonts mehr noch als über den „eigenen Kirchturm“ hinaus in die ganze Welt, ohne die der eigene Wohlstand undenkbar wäre. Aber wie beeinflussen Kriege und Aggressionen in der Welt und die wachsende Angst um den eigenen Wohlstand die globalen Beziehungen an der Basis?

MiehlenBauGH1962 WMaternIMAG6757Die zwölf Roll-Ups erinnern ebenso an die rege Bautätigkeit Anfang der 1960-er Jahre. Eines der vielen Fotos auf den Schauwänden dokumentiert den Bau des evangelischen Gemeindehauses in Miehlen, das 1963 eingeweiht wurde. Damals wurden solche Häuser gebaut, um den vielfältig engagierten Gemeindegruppen für jung bis alt Raum zu bieten. Neben dem Konfirmationsunterricht boten sie Raum für Chorproben, Frauen- und Männerabende, Bibelstunden, Konfirmierten-Treffen, Mutter-Kind-Austausch, Seniorennachmittage oder Gemeindefeste. Heute rücken die Gebäude angesichts ihrer hohen Unterhaltungskosten wieder verstärkt in den Fokus und sorgen für neue Kooperationen, wie es sie nicht nur im Osten des Kreises zwischen Kirche und Kommune bereits gibt. In welchen Bereichen lässt sich noch ressourcenschonend zusammenarbeiten?

NeuAnfangen Jute TascheStrukturreformen in der EKHN sind nichts Neues. Schon in den 1960-er Jahren wurde darüber nachgedacht, wie die evangelische Kirche um die Jahrtausendwende überhaupt noch handlungsfähig bleiben kann. Als in den 1970-er Jahren  NeuAnfangen Buchdie kirchliche Akzeptanz in der Gesellschaft auch statistisch nachweisbar zu bröckeln begann, initiierten EKHN und EKD die erste deutschlandweite Mitgliederbefragung. Mit der Wahl-Kampagne „Ein Christ lebt nicht im Schneckenhaus“ und dem Magazin „+++im Gespräch“ ging sie auch im Rhein-Lahn-Kreis auf ihre Mitglieder zu. Im Dekanat St. Goarshausen wurde zudem die Aktion „neu anfangen“ ins Leben gerufen, die sich mancherorts heute noch Menschen über ihre Alltags-Erfahrungen und den Glauben austauschen lässt. Neben neuen Gesprächsgruppen gehörte zum Auftakt neben praktischen Jute- (statt Plastik-) Taschen auch ein Büchlein zur Kampagne, in dem Christen aller Generationen aus der Region zwischen Loreley und Blauem Ländchen unter dem Titel „Lichtblicke“ über ihre Beziehung zum Glauben erzählten, was sie stört, was sie stärkt. Welche Medien werden künftig genutzt, den Kontakt mit Mitgliedern zu pflegen und zum Austausch einzuladen?

 

„Die Geschichte der EKHN ist ein Wimmelbild“, steht auf einer der Ausstellungstafeln. Erst der intensive Blick zeige die Erfahrungen in den Einzelgeschichten: Erfolge, Unfälle, Solidarität, Schuld und Hoffnung. „Alles ist getrieben vom Traum einer menschenfreundlichen Kirche, die Gott lobt“, heißt es im Begleittext zur Schau. „Die Geschichte der EKHN erzählt von ihrer Vielfalt – sie ist eine Stärke und macht Mut für die Zukunft“, formuliert Ulrike Scherf, Stellvertretende Kirchenpräsidentin zur Ausstellung.

Der zwölfteilige Überblick könne nicht alles zeigen, aber für Fragen anregen, über die die Menschen vor Ort ins Gespräch kommen können: Was ist uns wichtig? Was war entscheidend? Was lernen wir aus den Erfahrungen? Was prägt uns heute? Was macht für uns Kirche aus? Welche hitzigen Debatten haben weitergebracht? Was sind ganz persönliche Erinnerungen?

Die Wanderausstellung kann über die Propsteien bestellt werden. Hier finden Sie die Kontaktdaten. Außerdem informiert diese neue Internetseite über das Jubiläum und bietet zudem noch andere Arbeitsmaterialien. (bcm/sk)

Hintergrund

Die EKHN fußt auf einem Konstrukt, das unter nationalsozialistischem Druck entstand: die Evangelische Landeskirche Nassau-Hessen (1933-1945). Diese zerfiel nach Kriegsende wieder in ihre drei Bestandteile Nassau, Frankfurt und Hessen-Darmstadt. Vertreterinnen und Vertreter dieser drei Ursprungskirchen bildeten am 30. September 1947 in der Burgkirche in Friedberg die Gründungssynode, die den Willen bekräftigte, unter neuem Namen und mit einer neuen Verfassung die Kirchen erneut zu vereinen. Die Synode wählte am 1. Oktober 1947 Martin Niemöller zum ersten Kirchenpräsidenten, bestimmte die Mitglieder der ersten Kirchenleitung und setzte eine Kommission ein, die bis 1949 eine neue Kirchenordnung ausarbeitete.

Die Ausgangslage war dramatisch. 1947 lag Deutschland am Boden – auch die evangelische Kirche. Bei ihrem Neuaufbau waren Menschen mit sehr unterschiedlichen Perspektiven zu integrieren: Nazi-Opfer und immer noch überzeugte Nazi-Täterinnen und -Täter, Mitglieder der Bekennenden Kirche und der Deutschen Christen, reumütige Ex-Nazis, traumatisierte Kriegsopfer sowie Flüchtlinge und Vertriebene. Genug Gründe, um sich unversöhnlich gegenüberzustehen. Doch aus der gesellschaftlichen Zerrissenheit entstand Gemeinschaft. Wo Meinungen auseinanderfielen, einte der gemeinsame Glaube. Die EKHN entstand aus Ruinen, im Glauben an die Kraft der Veränderung und des Neuanfangs. (vr)


Oelschläger: Kirche ohne Demokratie geht gar nicht

FRANKFURT/RHEIN-LAHN. In einem Vortrag vor der Kirchensynode betonte deren früherer Präses Ulrich Oelschläger die demokratische Verfassung der evangelischen Kirche. Sie arbeite „nach den Spielregeln des Parlamentarismus“. Die Synode stelle als maßgebendes Organ der geistlichen und rechtlichen Leitung die Legislative dar, die Kirchenleitung sei die Exekutive und das Kirchliche Verfassungs- und Verwaltungsgericht eine unabhängige Jurisdiktion. Oelschläger betonte: „Kirche in der Demokratie ohne Demokratie in der Kirche, das geht gar nicht!“

Vom Widerstand gegen die Nazis geprägt

Die Leiterin des Zentralarchivs der EKHN Ute Dieckhoff stellte in ihrem historischen Überblick heraus, wie die EKHN vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus geprägt wurde. Die neue, 1949 verabschiedete Ordnung der EKHN zielte darauf, Macht von der lokalen über die regionale bis hin zur Kirchensynode demokratisch zu legitimieren. Sie sollte nur kollegial und nur auf Zeit ausgeübt werden, also auf möglichst viele Gremien und Personen verteilt sein. Deshalb würden „alle leitenden Ämter durch Synodalwahl auf Zeit besetzt“. So sei auch das Bischofsamt einem Gremium mit dem Kirchenpräsidenten an der Spitze übertragen worden. Dieckhoff wies zudem darauf hin, dass es der EKHN gelungen sei, ganz unterschiedliche regionale, kulturelle und konfessionelle Unterschiede zu integrieren. Dieckhoff bilanzierte: „Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Geprägt ist die EKHN durch die Bekenntnisvielfalt, durch den Aufbau von den Kirchengemeinden her, durch die verantwortliche Beteiligung der nicht-ordinierten Gemeindeglieder an der Leitung, durch das bewusst gemeinsam ausgefüllte Bischofsamt – und nicht zuletzt durch den Mut für Neues. Gerade das letztgenannte lässt für die Zukunft hoffen.“

Kirchenpräsident Jung: Aktive und innovative Kirche im Umbruch

Jung 2018 Portrait 1 EKHN NeetzAuch Kirchenpräsident Volker Jung ging auf das Jubiläum ein: „Dieses Jubiläum so richtig zu feiern fällt schwer. Zu viel lastet auf uns: der entsetzliche Krieg in der Ukraine, immer noch die Corona-Pandemie und auch eine große Verunsicherung, was die Zukunft bringen wird. Wir sind in einer gesellschaftlichen Transformation – durch die neu gewonnenen Möglichkeiten der digitalen Technologie, durch die riesigen Herausforderungen des Klimawandels und weltweiter sozialer Ungerechtigkeit. Jetzt kommt noch hinzu, dass die Sicherheitsordnung in Europa, die wir für stabil hielten, zerstört ist.“

Nach Jungs Worten war die 1947 gegründete EKHN in ihrer Historie „geistliche Heimat für viele Menschen und sie ist es auch heute“. In der EKHN seien gesellschaftliche Veränderungen immer sehr aufmerksam wahrgenommen worden. Damit habe sie immer zugleich gefragt, „wie Kirche sich verändern muss“. Oft seien von Hessen-Nassau innovative Impulse in den gesamten deutschsprachigen Raum des Protestantismus ausgegangen. Dazu gehörten in den 1970er Jahren neue Gottesdienstformen und neue geistliche Musik. Die EKHN habe interkulturelle Herausforderungen der Gesellschaft früh aufgegriffen und mitgestaltet. Sie sei zudem innovativ in der Weiterentwicklung der Seelsorge und in der Beratungsarbeit gewesen. Ein besonderes Markenzeichen sei auch der bundesweit einzigartige Jugendkirchentag. Dies mache exemplarisch deutlich, „wie vielfältig in der EKHN der Auftrag des Evangeliums gelebt wurde und wird, für Menschen in unterschiedlichen Situationen des Lebens da zu sein.“ (vr)

www.ekhn.de/75Jahre

Fotos: Matern/Neetz/Stadt Offenbach