
Hochkarätige Kunst in einer Kirche auf dem Land
Vernissage von „Ach Mensch. Was bleibt?“ in Dausenau: Werbung für Glaube, Liebe und Hoffnung
DAUSENAU/RHEIN-LAHN. (24. August 2026) Voll besetzt war die evangelische St. Kastorkirche in Dausenau, wo am Wochenende eine hochkarätige Kunstausstellung eröffnet wurde, wie es sie in ländlichen Regionen kaum zu erleben gibt. „Ach Mensch. Was bleibt?“ ist der Titel. Sie widmet sich bis zum 22. November der großen Menschheitsfrage, was nach dem Tod kommt und was das fürs irdische Leben davor bedeutet. Gäste aus dem Kreis, Kunstliebhaber und -sammler aus der ganzen Republik und sogar Künstler aus der Schweiz kamen zur Vernissage.
Schon beim Betreten des Gotteshauses werden die Besucher mit einem außergewöhnlichen Werk empfangen. Die „Sieben Todsünden“ der Bremer Künstlerin Csilla Kudor ist ein zeitgenössisches Meisterwerk, das die Diskrepanz zwischen Leben im Übermaß und der Wirklichkeit, die dahinter steckt, deutlich macht. Herantreten ist erwünscht, denn das Ölgemälde in der Mitte wird mit Wechselfotos an der Seite bereichert, die bewusst machen, ob und was sich in 500 Jahren Reformation geändert hat. Da wird beim Verändern des Blickwinkels etwa hinter dem Schenkel schmatzenden Übergewichtigen eine Massen-Hühnerhaltung sichtbar. „Gut und Böse, Licht und Dunkelheit sind eng miteinander verbunden“, sagt die Künstlerin über ihr Werk.

Kudors 1,50 mal 2,30 Meter großes Werk ist nur eines von 18 Bildern und Skulpturen, die Lust machen, über die eigene Vergänglichkeit nachzudenken. „Diese Ausstellung ist nichts für den flüchtigen Blick“, bemerkt Stephan Schauhoff, Vorsitzender der Apollonia von Ehr-Stiftung, in seiner Rede an die vielen Gäste. Er ist Initiator der Schau, um Kunst in die Kirchen der ländlichen Region zu bringen, wie es das sonst noch nicht gegeben hat. Mit Dekanin Kerstin Janott und ihrem Team, der Kirchenvorstandsvorsitzenden Heidi Jung aus Dausenau sowie den Kuratoren Kay Heymer und Walter Smerling von der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur fand er vor zwei Jahren die nötige Unterstützung, das Projekt in die Tat umzusetzen. Dank Leihgaben und Künstlern konnte eine sehenswerte Schau im mittelalterlichen Gotteshaus installiert werden. Gerade die vielen zeitgenössischen Arbeiten entfalten in diesem Umfeld eine besondere Spannung. Die Begeisterung für das Projekt ist so groß, dass neben Csilla Kudor aus Bremen auch der Schweizer Künstler Hans Brändli nach Dausenau anreist.
„Hilft die Erinnerung an die Endlichkeit und die Toten bei der Lebensgestaltung?“, fragt Schauhoff und erklärt: „Unsere Hoffnung ist, durch die Kunstwerke zum Nachdenken über den Tod als Bestandteil des Lebens anregen zu können“.
Dann erschließt Schauhoff Perspektiven der Ausstellung, mit denen Künstler wie Max Klinger, Matthäus Merian der Ältere, Markus Lüperitz, Paula Rego oder Cornelius Völker sich dem Thema nähern. Die Verbindung zwischen Erde und Himmel, wie sie in Billi Thanners berühmter Himmelsleiter zum Ausdruck kommt, symbolisiert den sakralen Ausstellungsraum an sich. Die Leiter führe nicht bis zum Himmel, denn Kern aller religiösen Lehren sei, dass dies nur mit Gottes Hilfe möglich wird, sagt Schauhoff. Volksfrömmigkeit, Riten und Todesfurcht greift er auf, und aus dem Wissen um die Endlichkeit könne eine bewusste Lebensgestaltung erwachsen sowie Dankbarkeit, jeden Tag als Geschenk sehen zu können und die Zeit mit anderen Menschen als etwas Kostbares zu erleben.
„Irgendwie scheint die Zeit genau richtig für diese Ausstellung und ihr Thema, das mindestens so alt ist, wie die Menschheit selbst“, erklärt Dekanin Kerstin Janott. Die einen bringe die Vorstellung, dass alles einmal ein Ende hat, dazu, in völliger Atemlosigkeit das Maximum an Erfahrungen anzustreben. Das Rad des Lebens drehe sich gefühlt immer schneller. Die Folgen würden spürbar: erschöpfte Menschen, erschöpfte Gesellschaft, erschöpfter Planet. Die Psalmen würden ein anderes Licht auf die Vergänglichkeit werfen: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Klug anstatt atemlos“. Die Darstellungen des Totentanzes von Christian Boltanski berühren sie besonders. „Sie sagen mir: Der Tod beendet alle künstlichen Unterschiede, die wir im Leben aufbauen. Alle materiellen Dinge, die wir anhäufen, alle Ehren, die wir ansammeln“, so Janott. „Bei den Skeletten verschwinden die Unterschiede.“ Sie zeigten wie sinnlos es ist, im Leben diese Unterschiede als trennend zu betonen oder das Heil im Materiellen zu suchen. „Das letzte Hemd hat keine Taschen, ja selbst das letzte Hemd zerfällt einmal zu Staub.“

Janott dankt allen, die zur Umsetzung der Ausstellung, des vielseitigen Begleitprogramms, zu Führungen und der Bewirtung eines Hoffnungscafés auf der Empore beitragen. Klug und souverän moderiert Pfarrer Urs Michalke die Vernissage, die Lena Weber (Saxofon) und Daria Wischnat (Klavier) brillant an dem außergewöhnlichen Ausstellungsort musikalisch umrahmen. Ein rühriges Team der Ortskirchengemeinde um Heidi Jung sorgt für die Bewirtung des Publikums. Das findet an den Werken im Kirchenschiff und auf der Empore reichlich Gesprächsstoff. „So etwas hat es ja noch nie gegeben“, sagt Kurator Walter Smerling zum Ausstellungsort. Er hofft, mit der spannungsreichen Schau etwas Licht und Transparenz ins Thema Endlichkeit zu bringen mit künstlerischem wie religiösem Blick; und dass die Menschen beim Besuch in Dausenau etwas finden, „das man in einer Zeit von Ökonomie und Wachstum nicht kaufen kann“.
Zurück zu Csilla Kudor: „Vielleicht kann die Kunst einen kleinen Beitrag zur Erweiterung unseres Bewusstseins leisten“, sagt sie. „Liebe, Glaube Hoffnung sind Bewegkräfte, aus denen auch die Kunst entsteht.“ Bei allen Antwortmöglichkeiten im Privaten, in Politik oder Religion auf die Frage „Was bleibt?“ sei die der Kunst: „Die Frage bleibt!“. Egal, ob man vor einer ägyptischen Grabmalerei, Picassos Guernica oder den Werken in Dausenau stehe: „Wir erkennen: da war jemand vor uns, der mit genau denselben grundlegenden Fragen gerungen hat wie wir.“ Bernd-Christoph Matern
Zur Ausstellung ist ein 160 Seiten starker Ausstellungskatalog mit Abbildungen sämtlicher Werke sowie ausführlichen Informationen und Interprestationen der Werke erschienen.
Zu den Fotos:
Voll besetzt war die evangelische St. Kastorkirche in Dausenau zur Vernissage von „Ach Mensch. Was bleibt?“. Die Ausstellung greift bis 22. November in Kunstwerken und einem vielseitigen Begleitprogramm eine der grundlegendsten Menschheitsfragen auf. Fotos: Bernd-Christoph Matern
„Segel“ hat der Schweizer Künstler Hans Brändli sein Werk genannt, von dessen Wirkung im Kirchenraum er sich selbst bei der Vernissage überzeugte. „Was hat sich 500 Jahre nach der Reformation eigentlich an Gut und Böse verändert?“ fragt Csilla Kudor mit ihrem Werk „Sieben Todsünden“. Dekanin Kerstin Janott zeigte sich angetan von der vielseitigkeit der Kunstwerke und dankte den Kuratoren Kay Heymer, Stephan Schauhoff und Walter Smerling (von links) mit dem Regenbogenschirm des Dekanats für ihr Wirken.
