Gottesdienst kommt jetzt bis kurz vor die Haustür

Coronakrise: Außergewöhnlicher Liefer-Service in der evangelischen Kirchengemeinde Klingelbach

 KLINGELBACH/RHEIN-LAHN. (30. März 2020) Andachts-Angebote im Internet gibt es derzeit zuhauf. Um auch die Menschen zu erreichen, die kein Internet nutzen, hat sich die Gemeindepfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Klingelbach Dr. Anneke Peereboom etwas außergewöhnliches einfallen lassen, einen Lieferando-Gottesdienst vor die Haustür. Der kommt gut an, nicht nur bei älteren Menschen, die gerade besonders unter Einsamkeit leiden, weil sie aus Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, zuhause auf sämtliche Kontakte verzichten müssen.

„Um die geht es mir ganz besonders“, erzählt Peereboom. Wer jetzt noch nicht mal über moderne Netzwerke verfüge, um wenigstens auf digitalem Weg Kontakt zu halten, leide sehr unter der fehlenden Ansprache. Dem will die Theologin mit ihrem Angebot begegnen. „Auf Bestellung“ per Telefon fährt sie nun mit Gitarre und Bibel vor die Häuser in den Ortschaften, die zur Kirchengemeinde gehören und „feiert“ vor geöffneten Haustüren und Fenstern in gebotenem Abstand eine zehnminütige Kurzandacht für betagte Paare, Alleinstehende oder auch ganze Familien, die in die eigenen vier Wände verbannt sind. „Manche hören auch vom Balkon aus zu oder im Garten.“

Was in Städten als „Balkonsingen“ bekannt ist, um in der Coronakrise Gemeinschaft zu erleben, da hilft die Pfarrerin auf dem Land mit ihrem eigenen Gesang in den Straßen etwas nach. Denn nicht nur die Haustür des angesteuerten Ziel-Haushalts öffnete sich bislang für die Straßen-Verkündigung, sondern auch Fenster in der Nachbarschaft. Und mit dem ersten Lied trieb es noch andere Zuhörer auf den Balkon. „Schöner ist's, wenn viele mitsingen, aber in der Kirche fungiert eine Pfarrerin ja auch ab und an als Vorsängerin“, erzählt sie.

Entscheidend für die Seelsorgerin: „Die Geschmäcker sind verschieden“, sagt Peereboom. Das gelte auch für die Frage, ob man in der jetzigen Zeit einen Gottesdienst lieber als Livestream im Internet oder etwa im Fernsehen verfolgt oder ob man „einen realen Menschen mit einer realen Bibel in der Hand, einer realen Gitarre und Stimme sowie einem realen Kerzenlicht auf der Straße vor sich hat“. Ihr gehe das nicht anders. Und so setzt sie derzeit lieber auf eine reale Begegnung im kleinstmöglichen Kreis. Bei ihrem Grübeln über Alternativen zu den verbotenen Gottesdiensten in der Kirche habe sie sich an den Auftrag von Jesus erinnert „Geht hin!“. Gerade die jetzige Krise biete die Chance, zu zeigen, dass Kirche keine reine „Kommt her“-Institution ist, sondern Menschen dort begegnet, wo sie in ihrem Leben stehen, wo sie faktisch sind, „wenn auch jetzt mit dem soliden Sicherheitsabstand“.

Die Feuerprobe gab's bei einem Ehepaar um die „60“. Das hatte sich von ihrer Pfarrerin eine Predigt in gedruckter Form zum Lesen gewünscht. Aber die Theologin brachte nicht nur ein Stück Papier, sondern gleich sich selbst mit. Vom Bürgersteig aus gab es dazu zwei Lieder mit Gitarre, gute Gedanken, ein Gebet und ein Segenswort. Und nach zehn Minuten ließ Peereboom dem Paar noch eine Rolle Toilettenpapier an der Türschwelle zurück. „Du zeigst mir den Weg zum Leben. In dir ist Freude in Fülle!“ hatte sie darauf geschrieben.

Bei den digital vernetzten Gemeindegliedern machte das schnell die Runde, weitere „Bestellungen“ folgten über Instagram, auch von Familien, wo mehr Generationen unter einem Dach leben. Und während der bekannte Lieferservice Essen an die Haustür bringt, erlebte Peereboom sogar genau das Gegenteil. Da hatte ihr die Familie eines Hauses einen Tisch auf dem Bürgersteig gedeckt und einen Stuhl für ihre Andacht hingestellt, und als sie das erste Lied anstimmte, gingen auch in der Nachbarschaft Fenster auf und Leute kamen auf die Balkone. Auch in den Garten wurde ihre Andacht schon bestellt.

Natürlich kennt die Pfarrerin ihre Schäfchen und weiß um manche Not, wo ein gutes Wort und Beistand ohnehin gefragt ist. „Aber mir geht es darum, dass niemand Scheu haben muss, mich anzurufen, wenn er sich durch die jetzige Situation besonders einsam vorkommt, Probleme hat oder wenn ihm eben nach solch einer kleinen Andacht zumute ist“, sagt Peereboom. Und da gebe es derzeit mehr Menschen als sonst, denen ganz gleich welchen Alters die reale geistliche Abwechslung besonders gut tut und Halt und Hoffnung schenkt.

Interessenten, die die Andacht real vor die Haustür geliefert bekommen möchten oder einfach mal reden möchten, erreichen Pfarrerin Peereboom derzeit am besten unter Telefon 06486/911756, mobil 0176-22683349 oder per E-Mail a.peereboom(at)kirche-klingelbach.de. Bernd-Chr. Matern

Was sie zum Kurzandacht-Lieferservice bewog, darüber spricht Anneke Peereboom am 3. April im Vormittagsprogramm von SWR4  Rheinland-Pfalz zwischen 12 und 13 Uhr.

Außerdem hat die SWR-Landesschau über den außergewöhnlichen Lieferservice berichtet. Den Beitrag finden Sie hier.

 

 

 

 

Zu den Fotos:
Andacht auf dem Bürgersteig. Klingelbachs Gemeindepfarrerin Anneke Peereboom liefert derzeit reale Andachten direkt vor die Haustür. Zur Premiere gab es auch Toilettenpapier als Mitbringsel an die Türschwelle. Fotos: privat/Matern

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